Werden wir seltener in Wolkenkratzer wohnen als gedacht?
Als Leeloo im Film The Fifth Element aus dem Himmel direkt auf das Taxi von Korben Dallas stürzt, fällt sie nicht einfach von einem Gebäude. Sie fällt aus einer Stadt. Einer Stadt, die sich kilometerweit nach oben stapelt, in den Himmel erstreckt. Fliegende Taxen, vertikale Straßenbahnen. Wolkenkratzer, soweit das Auge reicht. Die Straßen sind längst in die Luft verlegt; das Leben spielt sich in den Wolken ab.
Seit fast hundert Jahren sehen unsere Zukunftsstädte so aus.
Bereits 1927 zeigte Fritz Langs Metropolis gigantische Türme und mehrstöckige Verkehrsnetze. Im 1980er Klassiker Blade Runner besteht die Welt aus riesigen, eng gewebten Megastrukturen. Und dann gibt es da natürlich den Planeten Coruscant aus Star Wars, dem Stadtplaneten, bei dem die gesamte Oberfläche von einer einzigen Megacity bedeckt ist – ein endloses Meer aus Türmen. Die Botschaft scheint eindeutig: Die Zukunft baut nach oben.
Warum wir Zukunft automatisch mit Höhe verbinden
Unsere Vorstellung von Fortschritt war lange Zeit eng mit Höhe verknüpft. Kathedralen wurden höher. Brücken wurden höher. Wolkenkratzer wurden höher. Raketen verließen schließlich sogar die Erde. In dieser Logik erscheint es selbstverständlich, dass auch die Städte der Zukunft immer weiter in den Himmel wachsen müssen.
Und tatsächlich gibt es reale Orte, die diese Vorstellung zu bestätigen scheinen. Dubai. Shanghai. Shenzhen. Die Skylines dieser Städte wirken wie direkte Nachfahren unserer Science-Fiction-Visionen des 20. Jahrhunderts. Doch sie erzählen nur einen Teil der Geschichte. Denn die Frage lautet nicht: "Können wir höher bauen?" Sondern: "Sollten wir?"

Nicht höher, sondern dichter und funktionaler.
Vielleicht liegt die Zukunft der Stadt nicht im 500. Stock. Sondern im vierten.
Was die Forschung stattdessen nahelegt
Doch wenn man aktuelle Forschung und reale Projekte betrachtet, ergibt sich ein überraschend anderes Bild. Vielleicht liegt die Zukunft der Stadt nicht im 500. Stock. Sondern im vierten.
In den vergangenen Jahren taucht in immer mehr Stadtentwicklungsprogrammen ein Begriff auf, der außerhalb der Fachwelt kaum bekannt ist: Missing Middle Housing. Gemeint sind Gebäudetypen zwischen Einfamilienhaus und Hochhaus; vier- bis achtgeschossige Wohnhäuser. Townhouses, kleine Mehrfamilienhäuser, Innenhöfe, verdichtete Nachbarschaften.
Die Harvard Graduate School of Design sowie das Joint Center for Housing Studies beschäftigen sich aktuell intensiv mit diesen Modellen. Die Forschung zeigt, dass viele Städte weder weitere Vorstadtausdehnung noch immer höhere Türme benötigen, sondern etwas dazwischen: eine sogenannte "Gentle Density" – mehr Dichte, mehr Nutzen, ohne den menschlichen Maßstab zu verlieren. Die Zukunft könnte also dichter werden, ohne wesentlich höher zu werden.
Sand, Ton, Zement? Das wichtigste Baumaterial steht bereits
Die Frage, wie wir bauen, wird künftig nicht nur durch Technologie bestimmt, sondern auch durch Ressourcen. Laut den Vereinten Nationen verbraucht die Menschheit jedes Jahr rund 50 Milliarden Tonnen Sand und Kies – mehr als jede andere feste Ressource auf dem Planeten. Hinzu kommt: Rund 37 % der weltweiten energiebedingten CO₂-Emissionen hängen direkt oder indirekt mit Gebäuden und Bauwirtschaft zusammen. Da geeigneter Bausand vielerorts knapp wird, suchen Entwickler nach Alternativen: Holz, Recyclingmaterialien und vor allem die “Umnutzung” bestehender Gebäude gewinnen an Bedeutung: Kirchen werden zu Konzertsälen, Fabriken zu Wohnquartieren, Bürogebäude zu Wohnungen.
Das Urban Land Institute sieht in der Umnutzung von Gebäuden inzwischen einen der wichtigsten Hebel für klimafreundliche Stadtentwicklung. Bestehende Gebäude enthalten enorme Mengen sogenannter "Embodied Carbon" – also bereits investierter Energie und Ressourcen. Abriss bedeutet oft, diese Investition zu vernichten und der Natur mehr Schaden zuzufügen.
Entwicklung in deutschen Städten
Auch in Deutschland werden historische Industrieareale zu neuen Stadtteilen umgebaut: Die Zeche Zollverein in Essen, einst eines der größten Steinkohlebergwerke Europas, beherbergt heute Museen und Theater. In Berlin wurde die ehemalige Kulturbrauerei vom Industriebetrieb zum Kulturquartier, während die Leipziger Baumwollspinnerei heute als international bekanntes Zentrum für Kreativwirtschaft gilt. Auch Köln setzt zunehmend auf Transformation statt Neubau: Das Carlswerk in Mülheim hat sich vom Kabelwerk zum Eventstandort entwickelt und mit dem Deutzer Hafen entsteht derzeit eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Deutschlands auf einem ehemaligen Hafengelände.
Viele kleine “Kieze”, kein großes Stadtzentrum
Natürlich werden Städte wie Singapur, Shanghai oder Dubai weiterhin in die Höhe wachsen. Hochhäuser bleiben dort sinnvoll, wo Grundstücke knapp und Bevölkerungsdichte hoch sind. Doch viele aktuelle Stadtforscher sehen die Zukunft zunehmend in polyzentrischen Modellen: Städten mit mehreren Zentren, gemischten Quartieren, kurzen Wegen und einer Kombination aus Bestandserhalt, moderater Verdichtung und Grünflächen.
Der französische Stadtforscher Carlos Moreno beschreibt diese Entwicklung mit seinem Konzept der „15-Minuten-Stadt“. Nicht der tägliche Weg durch die gesamte Metropole steht dabei im Mittelpunkt, sondern die Nachbarschaft als eigenständiges urbanes Zentrum. Die Stadt der Zukunft könnte deshalb weniger aus spektakulären Skylines bestehen als aus vielen gut vernetzten, lebenswerten Orten.
Dichter, grüner, beweglicher.
Die Stadt des Jahres 2100 wird deshalb wahrscheinlich weder aussehen wie Manhattan, Metropolis oder Coruscant noch wie eine schläfrige Vorstadt aus den 1990ern. Sie wird dichter sein. Aber grüner. Anpassungsfähiger. Viele ihrer Gebäude stehen vielleicht schon heute und werden nur anders genutzt werden.
Und wenn wir eines Tages durch ihre Straßen gehen, werden wir möglicherweise feststellen, dass die größte Fehlprognose der Science-Fiction nicht die fliegenden Autos waren. Sondern die Vorstellung, dass Fortschritt immer bedeutet, weiter nach oben zu klettern.
Was die Forschung stattdessen nahelegt
Doch wenn man aktuelle Forschung und reale Projekte betrachtet, ergibt sich ein überraschend anderes Bild. Vielleicht liegt die Zukunft der Stadt nicht im 500. Stock. Sondern im vierten.
In den vergangenen Jahren taucht in immer mehr Stadtentwicklungsprogrammen ein Begriff auf, der außerhalb der Fachwelt kaum bekannt ist: Missing Middle Housing. Gemeint sind Gebäudetypen zwischen Einfamilienhaus und Hochhaus; vier- bis achtgeschossige Wohnhäuser. Townhouses, kleine Mehrfamilienhäuser, Innenhöfe, verdichtete Nachbarschaften.
Die Harvard Graduate School of Design sowie das Joint Center for Housing Studies beschäftigen sich aktuell intensiv mit diesen Modellen. Die Forschung zeigt, dass viele Städte weder weitere Vorstadtausdehnung noch immer höhere Türme benötigen, sondern etwas dazwischen: eine sogenannte "Gentle Density" – mehr Dichte, mehr Nutzen, ohne den menschlichen Maßstab zu verlieren. Die Zukunft könnte also dichter werden, ohne wesentlich höher zu werden.
Sand, Ton, Zement? Das wichtigste Baumaterial steht bereits
Die Frage, wie wir bauen, wird künftig nicht nur durch Technologie bestimmt, sondern auch durch Ressourcen. Laut den Vereinten Nationen verbraucht die Menschheit jedes Jahr rund 50 Milliarden Tonnen Sand und Kies – mehr als jede andere feste Ressource auf dem Planeten. Hinzu kommt: Rund 37 % der weltweiten energiebedingten CO₂-Emissionen hängen direkt oder indirekt mit Gebäuden und Bauwirtschaft zusammen. Da geeigneter Bausand vielerorts knapp wird, suchen Entwickler nach Alternativen: Holz, Recyclingmaterialien und vor allem die “Umnutzung” bestehender Gebäude gewinnen an Bedeutung: Kirchen werden zu Konzertsälen, Fabriken zu Wohnquartieren, Bürogebäude zu Wohnungen.
Das Urban Land Institute sieht in der Umnutzung von Gebäuden inzwischen einen der wichtigsten Hebel für klimafreundliche Stadtentwicklung. Bestehende Gebäude enthalten enorme Mengen sogenannter "Embodied Carbon" – also bereits investierter Energie und Ressourcen. Abriss bedeutet oft, diese Investition zu vernichten und der Natur mehr Schaden zuzufügen.
Entwicklung in deutschen Städten
Auch in Deutschland werden historische Industrieareale zu neuen Stadtteilen umgebaut: Die Zeche Zollverein in Essen, einst eines der größten Steinkohlebergwerke Europas, beherbergt heute Museen und Theater. In Berlin wurde die ehemalige Kulturbrauerei vom Industriebetrieb zum Kulturquartier, während die Leipziger Baumwollspinnerei heute als international bekanntes Zentrum für Kreativwirtschaft gilt. Auch Köln setzt zunehmend auf Transformation statt Neubau: Das Carlswerk in Mülheim hat sich vom Kabelwerk zum Eventstandort entwickelt und mit dem Deutzer Hafen entsteht derzeit eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Deutschlands auf einem ehemaligen Hafengelände.
Viele kleine “Kieze”, kein großes Stadtzentrum
Natürlich werden Städte wie Singapur, Shanghai oder Dubai weiterhin in die Höhe wachsen. Hochhäuser bleiben dort sinnvoll, wo Grundstücke knapp und Bevölkerungsdichte hoch sind. Doch viele aktuelle Stadtforscher sehen die Zukunft zunehmend in polyzentrischen Modellen: Städten mit mehreren Zentren, gemischten Quartieren, kurzen Wegen und einer Kombination aus Bestandserhalt, moderater Verdichtung und Grünflächen.
Der französische Stadtforscher Carlos Moreno beschreibt diese Entwicklung mit seinem Konzept der „15-Minuten-Stadt“. Nicht der tägliche Weg durch die gesamte Metropole steht dabei im Mittelpunkt, sondern die Nachbarschaft als eigenständiges urbanes Zentrum. Die Stadt der Zukunft könnte deshalb weniger aus spektakulären Skylines bestehen als aus vielen gut vernetzten, lebenswerten Orten.
Dichter, grüner, beweglicher.
Die Stadt des Jahres 2100 wird deshalb wahrscheinlich weder aussehen wie Manhattan, Metropolis oder Coruscant noch wie eine schläfrige Vorstadt aus den 1990ern. Sie wird dichter sein. Aber grüner. Anpassungsfähiger. Viele ihrer Gebäude stehen vielleicht schon heute und werden nur anders genutzt werden.
Und wenn wir eines Tages durch ihre Straßen gehen, werden wir möglicherweise feststellen, dass die größte Fehlprognose der Science-Fiction nicht die fliegenden Autos waren. Sondern die Vorstellung, dass Fortschritt immer bedeutet, weiter nach oben zu klettern.



